Happy blowing the trumpet Happy's Jazz Corner



Nr. 2 in einer Serie über swingende Musik - Montag, 17. Oktober 1995

Die Jazznadel im Musikmisthaufen

von Felix "Happy" Voirol

 

"Jazz" - Festivals

Welch eigenartige Faszination doch vom Begriff "Jazz" ausgeht!
Da gibt es etwa das Jazz Festival Montreux oder die Rheinknie Jazz Session. Sogenannte Jazz Festivals haben sich in den letzten Jahren immer weiter vom Jazz entfernt; im Jargon der Organisatoren: sich immer weiter "geöffnet".

Klar, eine musikalische Veranstaltung (Verunstaltung?) wird heute weit besser besucht, wenn sie auch noch Rock-, Pop, Beat, Funk, Fusion oder Rap anbietet. Und darum geht es im Jahrzehnt der Produktivität: Kommerzieller Erfolg kommt vor musikalischer Qualität oder gar künstlerischem Sendungsbewusstsein. Ein Blick ins Programmheft gibt Aufschluss: Mit etwas Toleranz lassen sich noch etwa 15% des Angebotes als Jazz klassifizieren.

In den Wühlkisten des Plattenladens ist das neue Verhältnis von Pop : Klassik : Jazz ungefähr 80 : 15 : 5. Warum eigentlich immer noch die Bezeichnung "Jazz - Festival"? Sind wir doch eine verschwindende Minderheit von Fans, denen sogar die Definition ihrer Lieblingsmusik schwer fällt. Aber freuen wir uns lieber, dass überhaupt noch grosse Musiker auf Reisen gehen, unsere Fussspitzen zum wippen bringen und das herrliche Wechselbad von Spannung und Entspannung auslösen. Sie dürfen für eine wertvolle musikalische Aussage in Form improvisatorischer Leistungen einen Bruchteil der Gage erwarten, die Popsänger mit der roboterartigen Interpretation ihrer Schlagertexte erhalten.

Swingender Jazz am TV

Wäre es nicht wunderbar, gäbe es einen TV - Kanal der nur Musik bringt?
Stop, vergessen wir da nicht MTV? Nun, "M" steht zwar für Musik, aber leider ist die Annahme es handle sich da um einen Musiksender total daneben. MTV offeriert ausschliesslich Pop-clips für Teens & Twens. Keine Spur klassischer Musik, kaum je Jazz! Da ist nicht nur der Name eine Enttäuschung.

Wer Jazz am Fernsehen sucht, ist auf Zapping oder Programmhefte angewiesen. In letzteren stehen in der Regel so aufschlussreiche Hinweise wie "Donnerstag 01:45 h Jazz".

Die japanische Firma JVC sponsort zu eben dieser nachtschlafenen Stunde (Gott sei Dank für Videorecorder) auf dem amerikanischen Newssender NBC Superchannel die Rubrik "Talkin Jazz": Viel Interviews, meist mit neuen Musikern, gelegentlich aber auch Juwelen mit bekannteren Jazzgrössen, von den Machern als "Old Footage from the Archives" plakatiert. Wöchentlich in der Nacht vom Sonntag auf Montag.

Surfer's Jazz

Auf dem 'Net kann man Jazz CDs kaufen für US $ 10.00 bis 15.00 (excl. Transport und Zollkosten). Bei CDNow legt man seinen Einkauf in einen Korb, worauf dessen Inhalt laufend addiert wird. Wenn man seine Adresse eingegeben hat so weiss das schlaue Programm auch gleich wieviel das Porto dorthin kostet, ob es VAT zuschlagen muss und bietet gleich drei Radioknöpfe an (Trotzdem schicken? Warten bis wieder erhältlich? Welchen Ersatz schicken?) falls eine der bestellten Scheiben am Lager fehlt. Wenn er dem NetScape Codierungssystem traut, so kann der Sammler und Jäger in Jazzsachen seinen Einkauf gerne per Creditkarte bezahlen und wird dann erstmals den Schlüssel links unten am Fenster in ungebrochenen Zustand sehen.

Dann gibt es noch Dr. Billy Taylor's Jazz Definitions. Der Pianist und Musikwissenschafter gibt kurze Einführungen über Stile, Musiker-Biographien und bietet Soundsamples an. Auf InterJazz findet sich eine Art Jukebox, wo man Samples hören kann. Leider sind die Kosten für ein Download prohibitiv. Zum blossen "hineinhören" reicht die Qualität von Sound Machine (Mac) nicht aus und zur Installation von RealAudio auf dem Server sagt mein Provider wegen zu hoher Mietgebüren kategorisch nein. Für Leute, die Noten lesen können gibt es bei Jazz Scores . Bevor Sie die USA bereisen, schauen Sie bei Jazz Online hinein. Dort steht wer wann wo spielt. Eine Art IRC für Jazz bietet JazzNet

Tip des Monats

Artist Spike Robinson & Eddie Thompson Trio
Title Vol. 1
Label Hep Jazz - HEP CD 2028
Recorded 26 July 1984 at Chesters, Southend UK
Lineup ts Spike Robinson p Eddie Thompson ds Len Skeat ds Jim Hall (nicht identisch mit dem Gitarristen)
Selections
  1. S'Wonderful (George Gershwin) [108 K]
  2. Flamingo
  3. Emily
  4. I'm Gettin' Sentimental Over You
  5. I Should Care
  6. Ow
  7. Everything Happens To Me
  8. Please Don't Talk About Me When I'm Gone
Comments Wer zum ersten Mal Spike Robinson zuhört ohne ihn zu sehen, glaubt an ein neues Generationenwunder á la Scott Hamilton. Der Tenorsaxophonist swingt mit geradezu jugendlichem Elan trotz seiner 54 Jahre zur Zeit der Aufnahme. Nachdem Spike 1948 als US-Marinesoldat in der Londoner Be-bop Szene aufgetaucht war, wurde es 30 Jahre lang still um den sympatischen Amerikaner. In der Folge erwarb er einen Elektronik-Ingenieurstitel und arbeitete bis zu seinem Comeback - diesmal als Profi - bei Honeywell. Spike Robinson war in den 1984 in England, hat mit alten Freunden gejamt und auch Platten aufgenommen.

Die vorgestellte CD hat ihre Fortsetzung auf Volume 2. Beide sind mit dem Eddie Thompson Trio im Club Chesters in Southend live aufgenommen und beide sind ihr Geld wert, wenn man saubere Tenorsax-Phrasierung liebt. Spike Robinson lässt einen erahnen, wie Prez oder Bean heute wahrscheinlich spielen würden.

 


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erstellt 17-09-95/fvo - nachgeführt 07-10-04/

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