Happy's Jazz Corner
Nr. 1 in einer Serie über swingende Musik - 18. September 1995
Mit Fünfzehn fingen wir mit Plattensammeln an. Zerbrechliche 3-Minuten-Scheiben. Bei 78 Touren gaben sie jene Töne von sich, die unseren Eltern ein Greuel waren und uns Jungen eine ganze Welt eröffneten.
Da es zum guten Ton gehörte, dass Kinder ein Musikinstrument erlernen, kamen wir gegen unseren Willen, gottseidank zu einer Grundausbildung in abendländischer Musik. Wir schlossen uns zusammen, hörten AFN und wurden furchtbar schlechte Amateur-Dixielander. Aber ein gutes Ohr hatten wir allemal und daher machten wir uns lustig ¸ber die Welt der Gassenhauer. "Schlager" oder "kommerziell" waren Schimpfworte. Wenn wieder einmal eines unserer Jazzidole herausgefunden hatte, dass man nicht mehr am Existenzminimum zu serbeln braucht, wenn man dem Massenpublikum Konzessionen macht, so war es für uns erledigt.
Unsere Musik verlangte aktives Zuhören.
Sie hatte zwischen Anfang und Schluss ein Arrangement. Solisten
improvisierten. Interpreten schrieben neue Melodien auf alte
"Standards", die man aber an der Harmonienfolge dennoch erkennen konnte - ein spannendes Spiel, das zudem viel Freude bereitete!
Zehn Jahre später: Die Trompete war verkauft, das Klavier verstummt, der Ernst des Berufslebens hatte begonnen. Aber noch immer wurde in Amerika und in Europa Jazz gemacht, aufgenommen und gehört. Für uns passive oder aktiv gebliebene Fans war auch der neue Stil, der sich von traditionellen Improvisationsmustern durch unerwartet komplizierte Tonfolgen absetzte, ein Kunsterlebnis. Der Bebop Charlie Parkers war geboren! Noch swingte es. Die Abwesenheit dieses undefinierbaren Elementes wäre für uns Grund genug gewesen, das Resultat solcher Versuche nicht als Jazz anzuerkennen: "It don't mean a thing, if it ain't got that swing."
Zu jener Zeit hatte Joachim Ernst Berendt ein gescheites Buch über den Jazz geschrieben. Seine wichtigste Entdeckung: Etwa alle zehn Jahre entwickelt sich ein neuer Stil. Immer sind es die schwarzen Amerikaner, deren Musik dann von den Weissen "verfeinert" wird. So wurde aus "New Orleans Style" Dixieland; aus "Chicago" Swing (als Stil im Deutschen mit grossem S geschrieben) und schliesslich aus "Be-bop" Cool Jazz. Inzwischen unterschied man sechs Hauptstilrichtungen. Bereits gab es eine Art Vor-Nostalgiewelle, die Rückkehr zu alten Spielweisen, z.B. Neo-Dixieland. Es swingte herrlich, die Zukunft sah gut aus für den Jazz.
Spätestens Ende der Sechzigerjahre musste es aber auffallen: Etwas stimmt da nicht. Mehr als ein Jahrzehnt war verflossen, ohne dass der Berendt-Effekt beobachtet werden konnte.
Heute muss man sich fragen: Was ist eigentlich mit dem Jazz geschehen? Längst hat uns die (kommerziell gesteuerte) Nostalgiewelle neue Interpreten aller alten Stilrichtungen gebracht. Aber wo ist die echte Evolution geblieben? Wo ist der neue Stil nach dem Bop? Sollte etwa die Beat-, Pop-, Funk- oder Discomusik für den neuen Stil richtungsweisend sein? Oder will gar eines der unzähligen, kurzlebigen Jazz-Experimente als neuer Stil verstanden werden? Die erste Gruppe kann es definitionsgemäss nicht, denn sie swingt nicht, hat plumpe, auf dem 3. Takt betonte Rhythmen, wird meistens gesungen resp. geschrien und kennt an Stelle eines Schlusses fast nur die elektronische Ausblendung. Es fehlen Improvisation und Subtilität. Von der zweiten Gruppe ist es einfach nicht zu hoffen, denn auch Experimentaljazz swingt selten oder gar nicht.
Allzu oft habe ich das Gefühl, von allen ehemaligen Jazzfan-Kollegen im Stich gelassen zu sein. Leider kommen auch Profis nicht darum herum, an den schlechten Geschmack der Zeit Konzessionen zu machen. Um ihrer früheren Meinung nicht ganz entsagen zu müssen, behaupten sie, der swing sei eben durch "andere Elemente der Spannung" ersetzt worden. Ich habe versucht, dieser Musik abzuringen, was mir der Jazz bisher geboten hat. Das Einzige, das mir dabei auffüllt, sind "zickische" Synkopen, wie wir sie schon beim Rock 'n Roll belacht haben. Bestenfalls noch bis zum Exzess gesteigertes "dirty" Spiel. Das Fehlen jeder fusswärmenden Metrik macht das Ganze noch enttäuschender.
Dennoch scheinen Synthesen der Popmusik mit Jazz oder Klassik zu beweisen, dass es sich eben doch um eine neue Musikart handelt und nicht um die lang erwartete stilistische Weiterentwicklung des Jazz. Dass noch kaum jemand das Ausbleiben natürlicher Evolution lautstark beklagt hat, kann einen von mehreren Gr¸nden haben.
Pop ist der grosse und mächtige Jazzkiller und er wird in dieser Eigenschaft in noch nie dagewesenem Ausmass gefördert. Es grenzt beinahe an die Verletzung eines Tabus, wenn man diese Aussage wagt. Zumindest lädt man sich den Zorn einer ganzen Generation hüftenschwingender Verkleidungskünstler mit ebenso verzerrten Gitarrenklängen wie Gesichtern, gedeckt von einer Riesenindustrie, auf.
An unseren Radiostationen machen auf den 3. Takt betonte Rhythmen mit einer Abblendung an Stelle von einem Schluss etwa vier Fünftel aller Musik aus, die zwischen Informationsblöcken zu g”ngigen Zeiten gesendet wird. Das Verhältnis von gesungen zu instrumental ist etwa 9:1 anstatt umgekehrt! ("I'm worried about the favoring of vocalists in the current pop scene, they havn't produced that many soloists; we're all players in jazz": Oscar Peterson).
Die quietschenden, rührenden, gurgelnden oder jaulenden Bläser der Avantgarde werden als "Neues vom Jazz" präsentiert. Durch das Loslösen von starren Spielregeln soll sich der Jazz angeblich befreit haben. In Wirklichkeit verärgern die pseudoelitären Experimente den Grossteil der Jazzfreunde ebenso wie das Heer der potentiellen Jünger. Es ist nicht einzusehen, wieso rhythmische Begleitung und ein harmonisches Grundkonzept diese Musik je in Ketten gelegt haben sollen. In herablassender Ironie verwenden diese Avantgardisten das Wort "Ohrwurm" für all das, was man früher "cantabile" genannt hat. Ein Glück, dass sie neuerdings ihre Musik nicht mehr als Jazz verstanden haben wollen. "Improvisierte Musik" soll es jetzt heissen. Die Improvisation ist auch das einzige Element, das vom Jazz noch geblieben ist.
Da gab es einmal eine hervorragende einheimische Radio-Big Band. Ihr Leader, ein erstklassiger Jazzpianist, führte einige Zeit intelligente Interviews mit den grössten "visiting jazzmen". Dann wurde das Geld knapp. Das swingende Orchester wurde von "Big Band" auf "Band" reduziert, dann aufgehoben. Eine Zeit lang musste der grossartige Peter Jacques gar als Käschperli in einer Unterhaltungssendung auftreten.
Dänemark, in Grösse, Bevölkerung und Einkommen durchaus mit unserem Land zu vergleichen. unterhält immer noch eine Radio-Big Band, die sich mit den besten der Welt messen kann.
Zum Glück tut Radio DRS2 seit geraumer Zeit etwas gegen das langsame Sterben des Jazz in unseren Breiten. ("I think that certainly within the next ten years jazz will be defunct": wieder Oscar Peterson) Die Sendung heisst "Apéro" und ist wochentäglich zu hören von 17:00 bis 18:30, unterbrochen nur von Nachrichten in Englisch sowie Programmhinweisen. Sie wird von hervorragenden Kennern der Szene zusammengestellt, für die der Begriff "Standard" oder "Great American Songbook" keine Schimpfwörter sind.
Soll der Jazz nicht eines Tages nur noch Museumsstück aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sein, so müssen wir Leuten wie Bruno Rub oder Willy Bischoff eine Chance geben auf breiter Ebene auch jungen Menschen vor Ohren zu führen, dass die Möglichkeiten des swingenden Jazz noch lange nicht erschöpft sind.
| Artist | Rob McConnell & The Boss Brass | |
| Title | Don't Get Around Much Any More | |
| Label | Concord | |
| Selections |
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| Comments | Mit ihren 21 Musikern ist die canadische Bläser-Big Band von Rob McConnell wohl eine der einfallsreichsten Formationen Amerikas. Die CD wurde im April dieses Jahres in Toronto aufgenommen und zeigt eine neue Stufe in der Entwicklung der Boss Brass. Besonders hörenswert: Track 6 (236 KB), wo der Standard Indiana nach einer Dixie - Introduction live in die Charlie Parker-Nummer Donna Lee überblendet. Donna Lee verwendete die Harmonien von Indiana, aber McConnell's Arrangement wechselt dabei von A flat in F, was einen ungewöhnlichen Effekt ergibt. | |
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erstellt 17-09-95/fvo - nachgeführt 07-10-04/
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